Das lese ich auf der Frankfurter Buchmesse

Am Sonntag, den 14. Oktober 2007, präsentiert sich die NaNoWriMo-Gruppe Köln/Bonn auf der Frankfurter Buchmesse. Dort werden wir auch aus unseren Manuskripten aus dem Jahre 2006 vorlesen. Hier der Kurzinhalt und der Text, die ich für Frankfurt ausgesucht habe.

Der Große Deutsche Roman
Groß-Schriftsteller Albert Alberti fühlt sich seit dem Tod seiner Frau leer und ausgeschrieben. An seinem 77. Geburtstag verkündet er, sich aus dem Literaturbetrieb zu verabschieden und seinen Millionen-Vorschuss zurückzuzahlen.

Verleger Hanno Ulmen, der wirtschaftlich auf den Star-Autoren angewiesen ist, setzt alles daran, noch einen letzten Alberti als „Den Großen Deutschen Roman“ vermarkten zu können - selbst wenn dafür der Text eines anderen als Werk Albertis ausgegeben werden müsste.

Lektorin Jelena Brandenburg findet ein geeignetes Manuskript: „So alt wie das Land“, unverlangt eingesandt von einem gewissen Georg Rubin aus Köln.

Der Textauszug für die Frankfurter Buchmesse
(Alberti hat soeben seinen Kindern seinen Rücktritt angekündigt und sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, wo er über seine literarische Karriere reflektiert und eine Entdeckung macht.)

Albert schloss die Tür hinter sich, die aufgeregten Stimmen des Hauses erloschen zu einem Säuseln. Endlich Ruhe. Er war erleichtert, dass er die Last des Immer-Weiter-Schreiben-Müssens abgeschüttelt hatte. Er wusste, dass es richtig war. Er hatte so lange überlegt, jetzt hatte er es getan - und Zweifel kamen.

Seit wie vielen Jahren hatte er kein Buch mehr veröffentlicht? Nicht, dass er nicht an seinem Schreibtisch gesessen hätte. Jeden Tag, die Sonntage ausgenommen, arbeitete er sechs Stunden. Er hatte tausende Seiten gefüllt, die Blätter nicht mitgerechnet, die er zerrissen hatte. Alles nur Stückwerk. Leblos. Oft nicht einmal gut geschrieben.

Ehe er, Alberti, der große Alberti, irgendetwas Mittelmäßiges veröffentlichte, würde er lieber gar nichts mehr veröffentlichen. In den Literaturgeschichten fand sowieso nur sein Erstlingswerk “Ostfront” Beachtung. Als ob er nichts anderes geschrieben hätte!

Er persönlich hielt sein viertes Buch für sein bestes: “Der Stein.” Es war Ende der 70er-Jahre erschienen und beschrieb die Studentenunruhen von 1968.

Der Roman erzählte in Episoden die Geschichte eines Steins und seiner verschiedenen Besitzer:

  • Chandra, das Mädchen im indischen Steinbruch, das den Stein aus dem Felsen schlug,
  • Madhav, der Arbeiter, der ihm die Form gab,
  • Otto, der Pflasterer, der mit ihm eine Straße pflasterte,
  • Rainer, der Student, der ihn aus der Straße riss und durch ein Fenster der amerikanischen Botschaft warf,
  • Jim, der schwarze Botschaftsangestellte, den der Stein am Kopf verletzte,
  • Karl-Heinz, der deutsche Polizist, der den Stein als Beweisstück beschlagnahmte,
  • Rita, die Staatsanwältin, die den Stein zu den Akten nahm für einen Prozess, der nie eröffnet wurde.

Geschäftlich war “Der Stein” kein Erfolg. Die ehemals linken Studenten, die längst auf ihrem Marsch durch die Institutionen waren, schmähten Alberti als kleinbürgerlichen Intellektuellen, der sich nur an ihre Bewegung ranhängen wollte. Die etablierte Gesellschaft denunzierte ihn als Sympathisanten der Baader-Meinhof-Bande, was ihm aber auch nicht so viel Publizität einbrachte wie seinem Kollegen Heinrich Böll.

Immerhin war Alberti in der Folge zu einigen Podiums-Diskussionen eingeladen worden. Während Böll diese öffentlichen Auftritte eher widerwillig auf sich nahm, genoss Alberti jede Aufmerksamkeit.

Wer würde ihm jetzt noch Aufmerksamkeit schenken, wenn er nichts mehr zu sagen hätte? Keine Lesereisen mehr, keine Interviews. Wahrscheinlich waren seine Nachrufe schon geschrieben und warteten nur darauf, gedruckt zu werden.

Alberti legte sich auf die Couch. Er schloss die Augen. Er genoss es, vor sich hinzudämmern. Joop hatte die Vorhänge vorgezogen, so dass der Raum im Halbdunkeln lag.

Er richtete er sich etwas auf, griff mit der Rechten zu dem kleinen Tisch, auf dem immer ein Glas Wasser für ihn bereitstand. Das Glas Wasser war nicht da, stattdessen fühlte Albert Papier.

Ein Manuskript, halb aufgeschlagen, eine Stelle mit einem Klebezettel markiert. Das Glas Wasser stand dahinter. Albert nahm einen Schluck, knipste das Leselicht an und nahm das Manuskript in die Hände.

Oh, dieses Gefühl! Ein Text, der noch kein Buch war, aber bereits das Versprechen in sich trug, ein Buch werden zu können. Er wog das Papier in der Hand, kein kleines Werk, vierhundert Seiten, vielleicht sogar fünfhundert.

Ein gelber Zettel klebte über einer außergewöhnlich langen Kapitelüberschrift: “Der Tag, an dem das Zentralkomitee des SDS beschloss, dass ich meine Unschuld verlieren müsste, um der sozialistischen Sache zu dienen”.

Albert erkannte Jeles Handschrift: “Lies das. Sag mir, was du davon hältst.”

Der Geruch des frisch bedruckten Papiers, das Gefühl, ein rohes Manuskript in der Hand zu halten, erregte ihn. Die wievielte Fassung mochte das sein? Albert schrieb, das war sein Tick, immer genau sieben Fassungen.

Die erste Fassung war die schnelle, kreative Fassung, die ihm leicht aus der Feder floss. Die zweite Fassung war eine Korrekturfassung, in der er grobe Schnitzer korrigierte.

In der dritten Fassung arbeitete er an seinem Text. Wort für Wort, Satz für Satz, Szene für Szene, Kapitel für Kapitel schrieb er neu. Er suchte nach dem treffenderen, dem spezifischeren Wort, stellte um, las sich jeden Satz laut vor, feilte so lange, bis ihn auch der Klang überzeugte. Bei “Der Stein” hatte er elf Monate an dieser dritten Fassung geschrieben.

Die Arbeit an der vierten Fassung war ihm die liebste, vielleicht war sie sogar seine eigene Erfindung. In dieser vierten Fassung suchte er nach Sprachbildern, Metaphern, Formulierungen, die so vor ihm noch nie jemand geschrieben hatte. Er erfand neue Wörter, mindestens zehn neue Wörter, die sofort verständlich sein mussten, aber noch nicht im Wörterbuch standen. Er hatte natürlich auch ein Wort für das Erfinden neuer Wörter erfunden: Er nannte es “albertisieren”. Leider hatte er dieses Wort nie in einem seiner eigenen Romane nutzen können, sonst wäre das vielleicht das eine Wort gewesen, das ihn im Duden unsterblich gemacht hätte.

Die fünfte Fassung diente dem Kürzen. Das Kapitel, das er für das schwächste hielt, wurde ersatzlos gestrichen.

Die sechste Fassung musste sein Werk marktgängiger machen. Hier prüfte er, ob er die Wünsche und Anregungen des Verlages und der Lektoren eingearbeitet hatte oder noch einarbeiten konnte. Lektorenwünsche mussten sehr früh vorkommen, sonst würden die das Werk gar nicht zu Ende lesen. Der Wunsch des Verlegers musste sich auf den letzten Seiten widerspiegeln, weil dort die abschließende Wirkung des Buches bestimmt und beim Leser der Wunsch geweckt werden sollte, auch das nächste Buch des Autors zu kaufen.

Die siebte Fassung schrieb er, nachdem der Text von einem anderen Menschen kritisch gelesen worden war. In den letzten Jahren war Helma die Korrekturleserin gewesen. Er hatte sich angewöhnt, alle von ihr gewünschten Änderungen wirklich durchzuführen.

Aber Helma hatte aufgehört, seine Manuskripte zu lesen.


Terminhinweis in der Literaturbeilage der ZEIT

ZEIT Titel Nr. 41Ausriss aus der Literaturbeilage der ZEIT In der aktuellen ZEIT wird auf unseren Auftritt am 14.10. auf der Frankfurter Buchmesse hingeweisen: Von 11-14 Uhr präsentiert die NaNoWriMo-Gruppe Köln/Bonn den größten Autorenwettbewerb der Welt.

Nach aktueller Planung werde ich in der Stunde von 12-13 Uhr aus dem “Großen Deutschen Roman” lesen und kurz auf mein neues Projekt “Millionenallee” hinweisen. In der letzten Runde von 13 bis 14 Uhr bin ich Moderator.


Einladung zur Frankfurter Buchmesse

Schreiben Sie einen Roman von 50.000 Wörtern in einem Monat. Das ist die Herausforderung von NaNoWriMo, dem National Novel Writing Month. Im letzten November haben fast 80.000 Menschen weltweit diese Herausforderung angenommen, auch ich. “Der große deutsche Roman” hieß das Werk, das ich geschrieben habe, wenigstens in einer ersten Fassung.

Jetzt kommt eine nicht erwartete Fortsetzung: Die Frankfurter Buchmesse hat bei mir offiziell angefragt, ob ich nicht Lust hätte, NaNoWriMo am 14. Oktober, dem letzten Publikumstag der Messe, drei Stunden lang im Forum Innovation in Halle 4.2 vorzustellen. Natürlich habe ich Lust, und auch die NaNo-Mitstreiter der Kölner Gruppe, die sich einmal monatlich trifft, waren sofort Feuer und Flamme.

Inzwischen ist der Termin it der Buchmesse fest vereinbart. Zur Organisation des Events habe ich eine neue Website eingerichtet: nanowrimo.de.


20.000 erreicht

Dann sag’ ich auch mal: “Hallo 20.000″. (Lesen Sie bitte weiter …)


Das erste Drittel ist geschafft

16,667 Wörter nach dem sechsten NaNoWriMo-Tag, ein Drittel des Ziels von 50.000 Wörtern geschafft! Inzwischen schreiben weltweit über 70.000 Menschen an ihren November-Romanen. (Lesen Sie bitte weiter …)


Die ersten 5000 Wörter

Die ersten 5000 Wörter sind geschafft. Am 1. November habe ich drei Schreibsitzungen abgehalten: Die erste gleich um Mitternacht, zwei weitere dann im Laufe des Feiertages. Das Ergebnis sind 5000 Wörter am ersten Tag, von der Menge her nicht schlecht. (Lesen Sie bitte weiter …)


NaNoWriMo-Treffen in Köln

Samstag abend haben sich acht NaNoWriMos im Kölner Stadtgarten getroffen. Michael Lüdeke, der schon letztes Jahr dabei war und jetzt das Treffen organisiert hatte, schrieb einen kurzen Live-Bericht ins deutsche NaNoWriMo-Forum. (Lesen Sie bitte weiter …)


Die Story-Idee

Ein armer Schriftsteller erhält den Auftrag, “den großen deutschen Roman” zu schreiben. (Lesen Sie bitte weiter …)